Vukovar, Jänner 2000
Wie Jugendliche in Vukvoar, einem von vorwiegend SerbInnen bewohnten kroatischen Grenzstädtchen, den Wahlsieg der Opposition erleben. Und was sie sonst so mit ihrem Leben anfangen. Ein Bericht von Vera Franz.
Ich hoffe, ich täusche mich nicht. Seit zehn Monaten lebe und arbeite ich in Vukovar und diese Stimmung ist neu: Ein kleiner Frühling scheint in die Stadt gezogen zu sein. Vielleicht nur vorübergehend. Vielleicht ist auch der Wille meiner Freunde, Vukovar auf nimmer Wiedersehen zu verlassen, nur vorübergehend aufgehoben. Aber es wird zum ersten Mal klar, daß sie Menschen sich doch eigentlich nichts mehr wünschen, als hier zu bleiben. Eigentlich - wenn es nur irgendwie möglich ist.
Vukovar - auch das Stalingrad des Balkankrieges genannt - wurde 1991 von serbischen Einheiten erobert und im Kampf dem Erboden gleichgemacht. Seitdem versucht die Stadt einen Weg zurück in die Normalität zu finden. Der Erfolg ist mehr als bescheiden. Die Industriebetriebe sind nach wie vor verweist und die Arbeitslosigkeit steht bei 90 Prozent. Der Aufbau der Stadt verläuft schleppend: Noch immer sind 80 Prozent der Gebäude zerstört. Die BewohnerInnen Vukovars, zu 80 Prozent SerbInnen, sind dementsprechend demotiviert. Sie haben über die letzten Jahre hinweg versucht zu überleben. Leicht ist es nicht. Aber sagen wir so, die materiellen Grundbedürfnisse können mehr oder weniger befriedigt werden. Von den anderen Bedürfnissen spricht niemand. Von der Traumatisierung durch die Kriegserlebnisse. Von der Apathie, die viele für den Normalzustand halten. Und aus der sich kaum jemand retten kann.
Dieser Situation versucht eine Gruppe Jugendlicher - auch Youth Peace Group Danube (YPGD) genannt - etwas entgegenzusetzen: einen geschützten Raum für kreative Beschäftigung. Neben der Arbeit im Kunstatelier, dem Photo Studio und der Video Werkstatt wird eine Radio Show und ein Newsletter produziert. Die Österreichischen Friedensdienste unterstützen die Youth Peace Group Danube, in dem sie junge ÖsterreicherInnen nach Vukovar schicken. Die Arbeit in dieser bunt gemischten Gruppe ist nicht immer einfach. Finanzielle Sorgen, Probleme mit den Räumlichkeiten, aber auch Meinungsverschiedenheiten unter den Mitgliedern stehen an der Tagesordnung. Was diese Gruppe dennoch immer wieder weiterträgt, ist ihre dringende Existenzberechtigung: "Ich bin vor zwei Jahren zur YPGD gestoßen, weil dies der einzige Ort in Vukovar war, an dem ich Möglichkeiten fand, etwas mit mir anzufangen und mich weiterzuentwickeln", erklärt Sasa.
Und seit den Parlamentswahlen am 3. Jänner hat sich vorsichtiger Optimismus verbreitet. Nicht, daß die Jugendlichen hier glauben, daß jetzt alles gut wird. Aber es hat einen Wechsel an der Spitze des Staates gegeben. Und allein diese Tatsache ist für Menschen, die seit zehn Jahren in einem angeblich demokratischen, in der Tat jedoch autoritären System leben, weltbewegend. Zukunft wird für jeden persönlich wieder denkbar. Und auch für die Gruppe hoffentlich einfacher: Vielleicht könnte sich ja endlich eine positive Beziehung zur öffentlichen Seite entwickeln. Die letzten Jahre über wurde diese interethnische Gruppe in ihrer Arbeit ignoriert bis behindert. Finanzielle Unterstützung war sowieso tabu.
Ich für meinen Teil freue mich, daß meine Freunde wieder wagen, an die Zukunft zu denken. Es liegt jetzt an ihnen - Mauern abzubauen, Mut zu haben, für Offenheit einzustehen und ihre Ideen durchzubringen. Es liegt aber nicht nur an ihnen... Gespräche in Österreich über "die da unten" sind für mich meist sehr deprimierend. Dabei bin ich überzeugt, daß diese Menschen hier mehr verdient haben als unsere Ignoranz. Und wir wohl auch.
