Europa - verflucht begehrt
Magdalena Schrefel
"Dass Europa im heutigen Südosteuropa 'verflucht begehrt' wird, hängt mit historischen Wahrnehmungen des scheinbaren europäischen Gegenbildes - des Balkans - und seinen vielfältigen Mythologisierungen und Stereotypen zusammen." Wolfgang Petritsch
So eines der einleitenden Zitate am Klappentext des Buches "Europa - verflucht begehrt - Europavorstellungen in Bosnien-Herzegowina, Kroatien und Serbien", welches am 9. November im project space am Karlsplatz in Wien präsentiert wurde.
Im folgenden eine Vorstellung des Buches, sowie eine kurze Zusammenfassung der anlässlich der Präsentation stattgefundenen Podiumsdiskussion.
Das Buch stellt eine wissenschaftliche Arbeit im Rahmen des Projektes “New Orientations for Democracy in Europe” des Bundesministeriums für Wissenschaft und Kultur dar. Die dem Buch zugrundeliegende Untersuchung setzt sich mit den Vorstellungen, die die Menschen in den drei angesprochenen Ländern von Europa haben, sowie der Instrumentalisierung dieser Europabilder für politische Zwecke auseinander. Während sich Vedran Dzihic, Silvia Nadjivan und Hrvoje Paic mit der Situation und dem öffnetlichen Diskurs in den jeweiligen Ländern beschäftigen, untersucht Saskia Stachowitsch die Geschlechterdimension der Auseinandersetzung zwischen Europa und den drei Ländern. Grob zusammengefasst könnte man Europa dabei sowohl als Logos als auch Mythos der drei post-jugoslawischen Staaten erkennen.
An der Podiumsdiskussion zum Thema nahmen außer den AutorInnen auch noch Wolfgang Petritsch, Norbert Mappes-Niediek und Eva Kreisky teil, moderiert wurde sie von Zarko Radulovic.
Hrvoje Paic hat es sich zur Aufgabe gemacht, aufzuzeigen, welche Europa- /Balkankonstrukte in Kroatien zu welchem Zweck konstruiert wurden. Die kroatische Sebstwahrnehmung sei europäisch, einhergehend mit einer Ablehnung des “Balkans”. Schon zu Beginn der 1990er Jahre war eine klare Abgrenzung zwichen dem Balkan - der als primitiv und wild wahrgenommen wurde - und Europa als Gegenpol dazu, enstanden, was auch als Legitimationsgrund für das Verlassen des Staatenbundes Jugoslawien gesehen wurde. In den späten Neunzigern kam es zu einem Zwiespalt: Einerseits die eigene Selbstwahrnehmung als EuropäerInnen, andererseits die Ablehnung der EU durch Tudjman. Als Erklärung differenzierte man zwischem dem alten Europa als kulturelle Gemeinschaft, der man sich zugehörig fühlte, und dem neuen Europa – der EU – das man ablehnte. Mittlerweile ist auch das neue EU-Europa akzeptiert, erhalten blieb allerdings die Ablehnung des Balkans, außerdem massive Schwierigkeiten der HDZ (Hrvatska demokratska zajednica - Kroatische demokratische Gemeinschaft), zwischen ihrer pro-europäischen Politik und der nationalistisch orientierten Basis zu vermitteln.
Vedran Dzihic geht in seiner Arbeit sowohl auf den bosnisch-herzegowinischen status quo, als auch eine bosnisch-herzegowinische Utopie ein. Generell sieht er den Staatenbund als nicht funktionierend, und Bosnien-Herzegowina als ein Land der Widersprüchlichkeiten an. Das heißt, dass realpolitisch das ethnische Prinzip dominiert und das Land geteilt ist. Man kämpft mit großen wirtschaftlichen Schwierigkeiten, und die Internationale Gemeinschaft ist ratlos. Dzihic beschreibt die Grundstimmung mit folgendem Zitat von Kafka: “Es gibt unendlich viel Hoffnung, aber nicht für uns.”. In der Utopie beschreibt er Bosnien-Herzegowina als ein europäisches Land ohne nationalistische Tendenzen, in dem die Menschen gerne leben. Das ethnische Prinzip trennt die BewohnerInnen nicht mehr, und der Staat wird von allen getragen.
Eine Studie zitierend, laut der 70% der jungen Menschen unter 30 das Land sofort verlassen würden, wenn sie die Chance dazu hätten, erklärt der Autor, dass Europa so ein utopischer Raum wäre – auch weil es im heutigen Alltag nicht fassbar, und daher nur als Utopie wahrnehmbar ist.
In Bezug auf Serbien spricht die Autorin Silvia Nadjivan von zwei politischen Lagern - einem pro- und einem anti-europäischen. Gegenüber Europa nimmt Serbien in der Selbstwahrnehmung seiner Bevölkerung eine Opferhaltung ein, man werde von Europa ungerecht behandelt, es wäre eine Übermacht. Gleichzeitig gebe es aber auch einen sehr opportunistischen Umgang mit Europa, das je nach eigenen innenpolitischen Interessen positiv oder negativ konnotiert wird. Eingegangen wurde in der Diskussion auch auf die Kosov@frage, und die Wichtigkeit einer Lösung unterstrichen, die für alle Seiten akzeptabel ist. Des weiteren wurde festgehalten, dass, obwohl die Länder des Westbalkans frühestens in 7 oder 8 Jahren der EU beitreten werden, bereits jetzt ein Erweiterungsstopp – als Reaktion auf interne Probleme der EU – dekrediert wurde. Dies wirke demotivierend, und sei eine kurzsichtige Politik der EU gegenüber den Ländern des Westbalkans, die sich dadurch von der europäischen Perspektive entfernten.
Saskia Stachowitsch geht es in ihrem Beitrag zum Buch vor allem darum, aufzuzeigen, dass der Prozess zwischen den einzelnen Ländern des Balkans und Europa nicht geschlechtslos ist. Angefangen von der Aufarbeitung verschiedener Geschlechterzuschreibungen, wie dem Klischee, dass Balkan immer auch gleich Macho bedeutet, setzt sie sich auch mit den unterschiedlichen Positionen und Repräsentationen von Frauen und Männern in diesem Diskurs auseinander. Die Kriege haben ihrer Meinung nach die Geschlechterrollen verstärkt, die europäische Integration trage zum Aufbrechen der Geschlechterrollen bei. Die den Ländern zugeschriebenen Geschlechterrollen sind auch je nach Diskurs wandelbar, so wird Europa einerseits als weiblich und den männlichen Balkan verführend wahrgenommen, andererseits auch als mächtige, männliche Kraft, die den weiblichen Balkan benützt.
"Europa - verflucht begehrt" gibt interessante Einblicke in zeitgenössische Fragestellungen rundum die in einigen Balkanländern vorherrschenden Bilder von Europa.
Magdalena Schrefel war 2004/2005 über den Europäischen Freiwilligendienst in Vukovar und macht zur Zeit eine Ausbildung in Göteborg.
