Lehrgang Gewaltfreiheit – Ausbildung zur Friedensarbeit, März – November 2006. Eindrücke einer Teilnehmerin

Verena Gollner

Lehrgang Gewaltfreiheit – der Titel klingt ein wenig, nun ja, sagen wir mal – nüchtern. Was kann man sich darunter vorstellen? Um eines gleich einmal vorauszuschicken: die Sache ist deutlich spannender, als sie zunächst klingt… Ausbildungen im Bereich Friedensarbeit sind ja nicht gerade üppig gesät – und dort, wo es sie gibt, sind sie entweder mit sehr hohen Kosten und großem Zeitaufwand verbunden, oder werden lediglich in Form von Wochendseminar-Häppchen angeboten, oftmals von eher kleinen Organisationen, denen für mehr einfach das Geld fehlt…Da beißt sich die Katze in den Schwanz, könnte man sagen – und wahlweise entweder zu sparen beginnen oder sich mit hors d’oeuvres begnügen. Oder aber, man erfährt vom Lehrgang Gewaltfreiheit, den der österreichische Zweig des Internationalen Versöhnungsbundes (VB) jährlich im Rahmen der UNO-Dekade 2001 – 2010 „Für eine Kultur des Friedens und der Gewaltfreiheit“ anbietet. Dieser Lehrgang erfordert weder ungeheuer viel Zeit noch ist er unleistbar. Er dauert von März bis November und umfasst 5 Wochenend-Module mit unterschiedlicher Schwerpunktsetzung, welche jeweils in Wien stattfinden, sowie eine Vertiefungswoche im Sommer in Kärnten.

Schon länger beschäftige ich mich mit aktiver Gewaltfreiheit, ziviler Konfliktbearbeitung und verwandten Themen, nicht zuletzt natürlich auch aufgrund meiner Mitarbeit bei den Österreichischen Friedensdiensten. Ich bin also kein „Neuling“ auf dem Gebiet, hatte aber den Wunsch, meine bisherigen Kenntnisse in einen „Rahmen“ zu betten, zu erweitern und zu vertiefen. Daher entschloss ich mich, am diesjährigen Lehrgang Gewaltfreiheit teilzunehmen.

Dieses Jahr haben ihn insgesamt 15 Personen, fünf Männer und zehn Frauen, absolviert, was eine durchaus angenehme Gruppengröße darstellte. Abgesehen vom etwas „schiefen“ Geschlechterverhältnis war dies eine bunt gemischte Gruppe von Menschen – ruhige und temperamentvolle, IndividualistInnen und GemeinschaftsanhängerInnen, Verwurzelte und WeltenbummlerInnen, SkeptikerInnen und OptimistInnen... (um hier einmal den üblichen sozioökonomischen Zuschreibungen zu entgehen) - ein Umstand, den ich als sehr bereichernd und herausfordernd empfunden habe.

Doch worum geht es nun eigentlich konkret in diesem Lehrgang? Gewaltfreiheit ist ein vielschichtiger, keinesfalls – wie es zunächst vielleicht erscheinen mag - eindeutiger Begriff. Er meint nicht bloß die Ablehnung von Gewalt als Mittel der Konflikt“lösung“, vielmehr verbirgt sich dahinter ein holistisches Konzept, welches Haltung und Handeln mit einschließt. Anders ausgedrückt: Gewaltfreiheit ohne aktives Tun ist bloßer Pazifismus, aktive Gewaltfreiheit – und um diese geht es hier – zieht aus ihrer Einstellung die Konsequenz des Tuns. Der Lehrgang ist wie ein Baukastensystem gestaltet, bewegt sich von der Ebene des Individuums hin zu globalen Strukturen.

Gleich im ersten Modul geht es in medias res - man beginnt bei sich selbst. Wie gehe ich mit Gewalt und Gewaltfreiheit um? Wie sieht mein Konfliktverhalten aus? Dann bekommt man quasi das Basis“rüstzeug“, die Grundlagen der aktiven Gewaltfreiheit werden vermittelt. Ebenso erfährt man von prominenten VertreterInnen und der Spiritualität, aus der diese schöpfen. Aktive Gewaltfreiheit bedeutet aktives Eintreten für und Arbeiten an gewaltfreien Lösungsmöglichkeiten von Konflikten, nicht bloß den Verzicht auf Gewalt. Das heißt auch, die Konsequenzen seiner Haltung und seines Handelns auf sich zu nehmen, wie schwerwiegend diese auch immer sein mögen. Einige Menschen, wie Mahatma Gandhi oder Martin Luther King, haben dies auf beeindruckende Weise vorgelebt, aus religiöser oder humanistischer Überzeugung gehandelt und daraus auch ihre Kraft geschöpft – welche Kraftquellen man hat oder sich erschließt, ist dabei jedem selbst überlassen. In der Theorie klingt das alles sehr einleuchtend und schlüssig. Doch in der Praxis? Im zweiten Modul konnten wir dann anhand von zahlreichen Übungen nicht nur Grundmuster und Dynamiken von Konflikten nachvollziehen, sondern auch gleich gewaltfreie Handlungs- und Kommunikationsmöglichkeiten auf ihre Anwendbarkeit in Konfliktsituationen, die wir aus unserem Alltag kennen, ausprobieren.

Die Vermittlungsmethoden des Lehrgangs reichen von Vorträgen über Powerpoint-Präsentationen bis hin zu Rollenspielen und Elementen des Forumtheaters. Ich habe dies als großen Vorteil empfunden, einerseits weil die unterschiedlichen Methoden immer wieder für Auflockerung sorgten, andererseits weil so wohl für jedeN etwas dabei war, das ihr/ihm zusagte. Und um noch einmal auf das „Problem“ der Praxis zurückzukommen: der Lehrgang hat hier meines Erachtens zweierlei geboten – einerseits wurden immer wieder reale positive Beispiele angeführt, die Mut machten und einfach eine Wohltat waren, verglichen mit dem ansonsten vorherrschenden Motto „Only bad news are good news“. Andererseits haben die interaktiven Elemente, bei denen wir Teilnehmenden selbst Dinge ausprobieren konnten bzw. nach Lösungen suchen mussten, oft auch aufgezeigt, wo die „Knackpunkte“ liegen. Denn nichts kann Schwierigkeiten, Probleme etc. besser vermitteln, als wenn man sie selbst „erlebt“, und sei es bei einem fiktiven Rollenspiel.

In den anderen drei Modulen ging es dann eher um „größere“ Konflikte: im gesellschaftlich-politischen Bereich, im internationalen Kontext und im „unsichtbaren“ strukturellen Bereich. Hier wurden unterschiedliche Analysemodelle vorgestellt, Aktions- und Interventionsmöglichkeiten aufgezeigt und es wurde auf die jeweils spezifischen Probleme eingegangen. Als sehr positiv habe ich es in diesen Modulen empfunden, dass die jeweiligen ReferentInnen aus ihren eigenen Erfahrungen schöpfen und Beispiele aus der Praxis bringen konnten, was die Anschaulichkeit teils komplexer Zusammenhänge, Vorgehenswesen und theoretischer Überlegungen stark erhöhte.

Zwischen den beiden Modulblöcken fand im Sommer eine Vertiefungswoche statt, die wir im Bildungshaus St.Georgen am Längsee verbrachten. Die hier behandelten Themen hatten wir uns selbst ausgesucht, oder besser ausdiskutiert. Dieser Prozess des sich Einigens war wie ein Lehrbeispiel in Sachen gewaltfreier Kommunikation: langwierig, mühsam, energieraubend – und befriedigend. Denn am Ende stand eine Entscheidung, die alle mitgetragen haben, niemand wurde übergangen oder überstimmt. Auch wenn eine einfache Mehrheitsentscheidung Zeit und Kraft gespart hätte – damit hätten wir eines der wichtigsten Prinzipien der aktiven Gewaltfreiheit verraten: die Übereinstimmung von Mitteln und Ziel. Wenn das Ziel Frieden ist, kann Krieg nicht das Mittel zu dessen Erreichung sein; wenn eine Vertiefungswoche, an der alle gerne und mit Interesse teilnehmen, das Ziel ist, kann das Mittel keine Abstimmung sein, bei der die Mehrheit über die Köpfe der Minderheit hinweg entscheidet. In der Sommerwoche haben wir uns schließlich mit drei Themen beschäftigt. Im ersten Teil ging es um Zugang und Dimensionen gewaltfreien Lebens, Auswirkungen und Früchte einer gewaltfreien Lebenshaltung wurden anhand konkreter Beispiele und Erfahrungsberichte aus der Lebenswelt des Referenten dargestellt. Weiters beschäftigten wir uns mit Zivilcourage und dem richtigen Einschätzen von Situationen und eigenen Handlungsmöglichkeiten, veranschaulicht durch Elemente des Forumtheaters. Der letzte Teil war einem konkreten regionalen Beispiel gewidmet, es ging um Geschichte, AkteurInnen und momentane politische Situation der Demokratischen Republik Kongo, sowie um den Umgang mit den verschiedenen Konflikten und Krisen im Land.



Der Lehrgang gibt einen guten Überblick über die vielen Dimensionen und Aspekte aktiver Gewaltfreiheit und ist auf Ausgewogenheit von theoretischen und praktischen Elementen bedacht. Als besonders positiv habe ich auch empfunden, dass viele regional verschiedene Beispiele gebracht wurden. Natürlich war oftmals auch die Zeit zu knapp, um sich den unterschiedlichen Themen eingehender zu widmen, andererseits war so wohl auch für jedeN etwas dabei, ob die persönlichen Interessen nun eher im Bereich der Bearbeitung alltäglicher Konflikte lagen oder bei der Unterstützung von Friedensprozessen im internationalen Kontext. Persönlich fühle ich mich nach Absolvierung des Lehrganges bestärkt, mich weiterhin mit der Thematik auseinanderzusetzen und Wege zu suchen, die die Spirale der Gewalt zu durchbrechen vermögen.

Verena Gollner war 1999/2000 Friedensdienerin in Vukovar und studiert Kultur- und Sozialanthropologie in Wien. Sie ist Vorstandsmitglied der ÖFD.