„Those were the best years of my life“
Eine politisch unkorrekte Perspektive auf Alltag und Freizeit von Jugendlichen im Krieg
von Christiane Ulreich
1992 - 47°19’26.29’’N 16°16’45.38’’E
1992 war ich neun Jahre alt. An einem durchschnittlichen, typischen Tag meines Lebens Anfang der 1990er weckte mich meine Mutter um 5:45, was ich bis kurz nach 6 Uhr bemüht ignorierte. Da ich mich morgens schon damals bemerkenswert zähflüssig bewegte, ist es verwunderlich, dass ich meistens doch keuchend den Bus erwischte, der mich jeden Tag um kurz nach 7 Uhr vor der Schule absetzte, wo ich widerwillig bis 13 Uhr ausharrte. Nach dem Essen, zu dessen Zustandekommen ich nichts beizutragen brauchte, verbrachte ich oft viel zuviel Zeit vor Computer und Fernseher. Ich machte (oder auch nicht) nachlässig meine Hausaufgaben und fürchtete mich vor unzähligen Schulstunden, auf die ich nicht vorbereitet war. Ich sollte durch die Beschäftigung mit einem Musikinstrument zu einem musikalisch mündigen Bürger heranwachsen, was trotz meiner damaligen hartnäckigen Übungsabneigung und einer beachtlichen Informationsresistenz gegen musiktheoretische Harmonielehre nicht gescheitert ist. Ich interessierte mich für Sport und meine erste Stereoanlage, hegte abenteuerliche Berufswünsche und wollte einmal den Ironman in Alaska mitmachen, Fallschirmspringen und um die Welt reisen. Ich wartete sehnsüchtig auf das Eintreten der ersten Symptome des Teenagertums, von dem ich mir so manches versprach, das es nachher nicht hielt. Ich machte mir Sorgen um die Abholzung des Regenwaldes und das Wachsen des Ozonlochs, das der damalige Klimawandel war. Ich weiß nicht mehr, ob ich damals schon den chronischen Verdacht hatte, dass die Fiesta immer woanders ist.
An ein paar Namen kann ich mich erinnern, die zu der Zeit fast täglich in den abendlichen Nachrichten fielen: Saddam Hussein, Bill Clinton, Franz Vranitzky, Boutros Ghali. Auch Jörg Haider gab es damals schon. Sarajevo. Hin und wieder wurde ich bei passenden Gelegenheiten daran erinnert, dass es auch ganz in der Nähe gleichaltrigen Kindern viel schlechter ging als mir. Jahre später kam ich darauf zurück, über diese Kinder nachzudenken. Ich fragte mich, was aus ihnen geworden ist, wie sie sich anders an ihre Kindheit und Jugend erinnern als ich, und was das für ein Alltag war, wenn es überhaupt einer war, den sie gelebt und überlebt hatten, während ich mir eigentlich noch keine Sorgen zu machen hätte brauchen.
Das wundersam Selbstverständliche des Alltags
Die Frage wuchs und gedieh und wurde schließlich eine Diplomarbeit. Ohne es von vornherein beabsichtigt zu haben, musste ich mich auf das dünne Eis einer haarigen, ja geradezu borstigen soziologischen Theoriesynthese wagen: Über Krieg haben viele geschrieben, und auch einer theoretischen Analyse des „Alltags“ hat sich eine handvoll aufgeweckter und wissenschaftlich furchtloser Zeitgenossen gestellt. Aber die Kombination Alltag im Krieg scheint außerhalb einer Literatur von Erfahrungsberichten und Tagebuchromanen schwer auffindbar zu sein.
Definiert sich Alltag wirklich über Routinen, über Rahmenbedingungen, über Gewohnheiten, über „Normales“ in Abgrenzung zum Ausnahmezustand? Wenn der Ausnahmezustand lang genug dauert, wird er dann zum neuen Referenzpunkt für das, was als vertraut und alltäglich erlebt wird, wird – platt ausgedrückt - das Nichtnormale normal? Braucht Alltag überhaupt Normalität? Gibt es eine Freizeit, die man als Kind oder als Jugendlicher irgendwie verbringen kann, wenn es keine Verpflichtungs-Zeit gibt? Wie vertreibt man sich die Zeit in einer als auf den Kopf gestellt wahrgenommenen Umgebung, in der auf die Straße zu gehen lebensgefährlich ist, obwohl kaum ein Auto fährt, und in der man sich eine Unmenge neuer Regeln aneignen muss, um das eigene Überleben zu sichern?
Die Soziologie eilt, oder hinkt, je nachdem, mit Begriffen wie „Alltagswirklichkeit“, „Alltagswelt“ und „Alltagswissen“ zu Hilfe. Alltagswelt als Bezugspunkt, als Zentrum einer Vielfalt möglicher und erlebter Wirklichkeiten, in die man immer wieder aus diesen anderen Wirklichkeiten zurückkehrt und in der man sich mit der Unbeschwertheit der Selbstverständlichkeit bewegt (Alfred Schütz, William James). Diese Wirklichkeit wird permanent (gesellschaftlich) hervorgebracht und aufrechterhalten – ist dies Voraussetzung oder auch Garant für stabile soziale Strukturen?
Liest man sich Definitionsmerkmale von „Normalität“ durch, die die Soziologie anbietet, drängt sich die Vermutung auf, dass nach einer „Übergangsphase“ eine nicht normale Situation als normal erlebt wird und nach Anpassung des Alltagswissens an die neuen Umstände zur Alltagswirklichkeit wird. Aber gilt das auch, wenn so grundlegende Werte in Frage gestellt werden wie in einem Krieg? Soziale Wirklichkeit ist fragil und leicht zu erschüttern. Chaostheoretisch könnte man sich daran abarbeiten, ob eine bestimmte Form sozialer Wirklichkeit eine quasi immanente Tendenz hat, sich selbst wiederherzustellen. Alltag ist zur Reproduktion des gesellschaftlichen Gesamtsystems und zur Sicherstellung der Reproduktionsfähigkeit der Individuen notwendig. Ein gesicherter Hintergrund, dessen Beschaffenheit man mit hoher Wahrscheinlichkeit einschätzen und voraussagen kann, erfordert nur noch ein Minimum an Entscheidungen, was Energien für andere Aufgaben freistellt.
Was für ein Zeitregime entwickelt eine Gesellschaft im alltäglich werdenden Ausnahmezustand, was für eine Zeitkultur entsteht? Welche Rhythmen bestimmen den Tag? Welchen Wert haben die Vergangenheit, die Gegenwart, die Zukunft?
Wie erlebt man eine Zeit solcher äußerer Umbrüche und äußerer Instabilität in einem Lebensabschnitt, in dem so große innere Umbrüche stattfinden, das Innere instabil wird, neu geordnet werden will, so vieles gesucht werden muss?
Mit diesen und vielen anderen Fragen machte ich mich nach Sarajevo auf, um mit Menschen zu sprechen, die den Krieg miterlebt hatten und damals Kinder bzw. Jugendliche waren.
Mit all meinen naiven Fragen habe ich versucht, eine eher ungewöhnliche und oft nicht unproblematische Perspektive einzunehmen. Täglich wird erschöpfend von den Grausamkeiten und Schrecklichkeiten von Kriegen berichtet - in den Nachrichten, im Geschichtsunterricht, in Filmen, in Berichten, in Podiumsdiskussionen, in Debatten um „anständige“ Asylwerber und „Asylbetrüger“.
Meine Arbeit sollte nach möglichen positiven Erfahrungen fragen und abseits von Geschichten über Gewalt und Tod über das tägliche Leben unter solchen Umständen erzählen – wenn nötig, gern auch politisch unkorrekt. Ich wollte dabei Krieg, Gewalt und Zerstörung nicht verharmlosen, sondern einfach nicht zum Gegenstand meiner Arbeit machen. Mich interessierte, wie man im Krieg Partys feiert – angeblich sind die Partys im Krieg ja die wildesten -, womit man sich die Zeit vertreibt, worüber man lacht und natürlich auch – was bleibt.
1992 - 43°51’38.70’’N 18°25’16.90’’E
Man erzählte mir, in Sarajevo habe es keinen „typischen Tag“ gegeben. Eher mehrere typische Tage, die einander abwechselten. Manche Gewohnheiten ändern sich, andere bleiben gleich, auch im Krieg. Man putzt weniger, liest mehr und geht früher schlafen. Für die meisten, mit denen ich für meine Diplomarbeit gesprochen habe, war das Leben ab einem gewissen Zeitpunkt quasi-normal, ein anderes „normal“. Man „gewöhnt“ sich an die Situation, eignet sich neue Regeln an, um sich in ihr zurechtzufinden, ein anderes Gefühl von „normal“ erweitert die Wahrnehmungspalette.
Ein Gefühl von „Normalität“, welcher Art auch immer, ist wohl an das Vorhandensein von Wissen über den Umgang mit einer Situation gebunden. Alle der von mir Befragten gaben an, aus der Zeit der Belagerung sehr viel gelernt zu haben – für die Umstände spezifisches Wissen und Fähigkeiten, die man fürs unmittelbare Überleben braucht – das Einschätzen von Situationen, von Geräuschen verschiedener Arten von Munition, wie man auf sich selbst und andere aufpasst. Das, was sie im Krieg gelernt haben, empfinden die meisten meiner Gesprächspartner als positiv, und damit die Zeit im belagerten Sarajevo als eine auf eine bestimmte Art auch bereichernde Lebenserfahrung.
Die meisten lasen mehr Bücher als je zuvor, auch solche, die erst Jahre später für sie gedacht gewesen wären. Auch im belagerten Sarajevo gab es Gitarren- und Musikunterricht. Man spielte Karten, Schach, Tischtennis. Man beobachtete die Intervalle, in denen geschossen wurde, und unterbrach alle eineinhalb Stunden das Tischtennisspiel für fünfzehn Minuten, um ins Haus zu gehen, anstatt drauf. Eine Belagerungsphase, in der für eine Weile weniger geschossen wurde, hatte fast ferienähnlichen Charakter.
Man erledigte neue tägliche Aufgaben – Feuerholz sammeln, Wasser holen, in langen Schlangen warten – mit Freunden zusammen und hatte dabei vielleicht auch Spaß, umgeben vom Wahnsinn der Belagerung. Für manche war nicht zuletzt das Riskante eben auch aufregend. Für Jugendliche in einem Alter, in dem man gegen Regeln rebelliert, mag das Wegfallen von so vielen Regeln durch die Verschiebung der gesellschaftlichen Wahrnehmung dessen, was wichtig ist und was nicht, auch seinen Reiz haben.
Für die meisten meiner Befragten war es eine sehr aktive Zeit – was sie aber auf ihr damaliges Alter zurückführen. Einer meiner Gesprächspartner zog ein sehr unerwartetes Resümee aus den Jahren der Belagerung Sarajevos – sie seien TROTZ des Krieges die besten Jahre seines Lebens gewesen, weil so viele wichtige positive Erfahrungen (z.B. der erste Kuss) in diese Zeit gefallen seien: „It was happy days.“ Was bei ihm bleibt: der Krieg habe ihm die Fähigkeit genommen, sich Sorgen zu machen. Probleme teilt er ein in lösbare und nicht lösbare: wenn ein Problem eine Lösung hat, brauche man sich keine Sorgen darüber zu machen, und über nicht lösbare Probleme erst recht nicht. „If I have what I need for the next two hours, I’m happy.“ Das sei bis heute so, sagt er.
Eine nachträglich so positive Bewertung einer so schwierigen und mit Sicherheit traumatischen Erfahrung ist vermutlich eine seltene Ausnahme. Vielleicht eine individuelle Verarbeitungsstrategie, vielleicht eine Möglichkeit, mit der Gegenwart und der Vergangenheit umzugehen – dealing with the present in einer verrückten Lage, dealing with the past, sobald es heißt: zurück zum normalen Lauf der Dinge.
In der unaufhörlichen Alchemie der Zeit werden vergangene Gegenwartsbewältigungen laufend zur gegenwärtigen Vergangenheitsbewältigung und zur aktuellen Gegenwartsbewältigung.
Viele von denen, mit denen ich gesprochen habe, fühlen sich um wichtige Jahre ihres Lebens betrogen, die sie im Nachhinein vergeblich nachzuholen versucht hätten. Warum gibt man nach einem Krieg einem ganzen Land nicht einfach zwei Jahre Auszeit, Ferien, Erholung, Nachholen von Versäumtem, Runterkommen vom Wahnsinn, fragte einer meiner Gesprächspartner.
Er meint, er habe viele Dinge, die ein Mensch “normalerweise” bis zum Alter von 18 lernen sollte, erst viel später gelernt. Trotzdem: „I became older like 10 years when I was 12. […When] I was like 14 or 15, I behave[d], […] like everybody here, like at least 20. But now, I am acting like I’m 20, and I have 28 years. So… I think it’s like reverse, you know, during the war I had to think of things that in normal world, where is not war or anything, I wouldn’t think. […] Now, it’s like the child inside of me is getting outside.”
Dieser Widerspruch, einerseits “auf Knopfdruck” älter werden zu müssen, andererseits von den so übersprungenen Stufen wieder eingeholt zu werden, prägt wohl auf die eine oder andere Art die Gegenwart und den Umgang mit der eigenen Vergangenheit vieler, die in der belagerten Stadt aufgewachsen sind.
Christiane Ulreich hat an der Universität Wien Soziologie studiert und arbeitet derzeit an einer politikwissenschaftlichen Dissertation über soziale Bewegungen.
